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Professur für Museologie

Digitalisierung einer Universitätssammlung - Praktikum an der Kustodie der Universität Greifswald

Von Florian Gantner

Reprostation + Lampen + neutraler Hintergrund + Farbkarte + Kamera + Laptop: Viel Equipment für die Erstellung einer dokumentarischen Fotografie. Dafür ermöglicht dieser Aufbau ein zügiges Arbeiten.
Das fertige fotografische Endprodukt. Die Farbkarte dient zur Kontrolle der Farbigkeit sowie als Maßstab und kann bei Bedarf digital weggeschnitten werden.
Die aus den Depotschränken geholten Objekte vor dem Verpacken für den Transport. Der vordere Gipsabguss hatte sogar einen Bezug zu Würzburg. Die Vorlage für das Originalobjekt, ein sogenannter Rosettenkasten aus Elfenbein aus dem 10. Jahrhundert, wurde 1851 in der Domschatzkammer Würzburg in Einzelteilen aufgefunden und neu zusammengesetzt.
Zum einfacheren Verpacken etwa gleichgroßer Objekte bieten sich „Taschen“ aus Luftpolsterfolie an.
Blick von oben (3. Stock) auf den hinteren Ausstellungsbereich während des Aufbaus. Die Vitrinen sind noch leer und wurden am Ende noch minimal verschoben.
Zwischen Service-Theke und Lesesaal: Blick auf den Bereich der Gipsabgüsse der Ausstellung „Wissen sammeln“.
Die „spätantike Vitrine“ mit zwei Plastikbäumen: Menas-Ampullen, Münzen und Tonlampen. Dazu einige in Kontext stehende Großdiapositive.
Weiterhin unerschlossen blieben die fotografischen Bestände: circa 5000 Großdias und eine unbekannte Anzahl an Abzügen.

Wissenschaftliche Sammlungen an Universitäten

Unter den Einrichtungen, an denen museologische Praktika möglich sind, ist eine wissenschaftliche Sammlung an einer Universität gewiss außergewöhnlich, deshalb vorab einige Worte hierzu: Die Objekte in einer solchen Sammlung werden als Anschauungsmaterial in der Lehre oder für die Forschung verwendet. Bei vielen Sammlungen ist dies auch heute noch so, andere sind in Vergessenheit geraten oder verwaist. Weiterführende Informationen dazu sowie einen Überblick zu den aktuellen Problematiken der Universitätssammlungen bieten die "Empfehlungen zu wissenschaftlichen Sammlungen als Forschungsinfrastrukturen". Zur Zeit gibt es 826 aktive Sammlungen in Deutschland, weitere 323 Sammlungen gelten als aufgelöst, verschollen oder zerstört. In fast allen Studienrichtungen gibt es Sammlungen; überwiegend sind diese aus den naturgeschichtlichen, naturkundlichen, naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen.

Wissenschaftliche Sammlungen in Würzburg

Das zentrale Portal für Universitätssammlungen verzeichnet an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg 23 Sammlungen. Davon sind die im Martin von Wagner- und im Mineralogischen Museum untergebrachten Sammlungen der Allgemeinheit wohl am besten bekanntest, da sie einen festen institutionellen Rahmen haben und öffentlich zugänglich sind. Die anderen Sammlungen sind - nach eigener Erfahrung - oft nur Studierenden und Interessierten der betreffenden oder angrenzender Fächer bekannt und können meist nur auf Anfrage besichtigt werden. Alle diese Sammlungen werden dezentral von den Instituten oder Lehrstühlen verwaltet. Dabei hängt ihre wissenschaftliche Erschließung und Zugänglichkeit sehr von den materiellen, personellen und finanziellen Ressourcen sowie dem Interesse der jeweiligen Sammlungsverantwortlichen ab.

Doch gerade im Internetzeitalter stellt die digitale Bereitstellung von Informationen zu den verschiedenen Sammlungsobjekten zum Zweck der Forschung einen wichtigen Aspekt dar. Diesbezüglich sind einige Teilbestände der Würzburger Sammlungen bereits über Datenbanken zugänglich. Für externe Forschende und Interessierte sind diese Informationen - abgesehen von Objekten der Musikinstrumentensammlung - allerdings nicht öffentlich zugänglich oder recherchierbar.

Wissenschaftliche Sammlungen in Greifswald

Demgegenüber digitalisiert die Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald konsequent ihre 16 dezentral untergebrachten Sammlungen: Dort werden die Digitalisierungsmaßnahmen seit 2010 von der Kustodie (custodia (lat.): Bewachung, Bewahrung, Aufsicht) koordiniert und gebündelt. Schrittweise wurden die vorhandenen digitalen Daten auf einheitliche Datenstandards migriert und die Grundlagen zur Digitalisierung weiterer Sammlungen geschaffen. Diese Strategie sieht unter anderem die Verwendung eines einheitlichen Datenbanksystems und -vokabulars sowie die Bereitstellung der Informationen auf einer universitätseigenen Plattform vor. Von dieser können die Daten in Zukunft auch in übergeordnete Sammlungsportale integriert werden. Seit einigen Jahren können Museologie-Studierende bei diesem Digitalisierungsprozess mitwirken und hier zusätzliche Kompetenzen bzw. entsprechendes Wissen sammeln.

Die Victor-Schultze-Sammlung

Knapp 130 Jahre lang - von 1884 bis 2010 - war die Victor-Schultze-Sammlung eine Greifswalder Lehrsammlung für angehende Theologen, Kunsthistoriker und Christliche Archäologen. Die Objekte, die von spätantiken Münzen, Tonlampen und Ampullen über gotische Holzskulpturen und Gipsabgüsse mittelalterlicher sakraler Gegenständen bis zu Fotoabzügen und Großdiapositiven reichen, decken ein breites historisches Spektrum ab. Das meiste davon sammelte der Gründer der Sammlung, Victor Schultze (1851-1937). Seit dem Wegfall der Professur für Christliche Archäologie im Jahr 2010 wird die Sammlung nicht mehr aktiv in der Lehre genutzt; betreut wird sie seitdem kommissarisch vom neuzeitlich ausgerichteten Lehrstuhl für Kirchengeschichte.

Inventarisierung

Der erste Schritt bei der Aufarbeitung einer unbekannten Sammlung besteht in der Sichtung der vorhandenen Daten- und Informationsquellen. Von früher existiert diesbezüglich ein Zettelinventar mit Karteikarten und analogen Fotografien. Ein ehemaliger Betreuer legte dann den Grundstock für die Digitalisierung, indem er die Objekte digital fotografierte und eine Powerpoint-Präsentation erstellte. Leider genügen die vor einem Jahrzehnte angefertigten Fotos nicht mehr den dokumentarischen Maßstäben (bspw. fehlen Farbskala oder Maßstab auf den Abbildungen) und erforderten neue fotografische Aufnahmen.

Im Laufe der Monate wurden so die vorhandenen Informationen zu etwa 400 Objekten in die webbasierte Inventarisierungsdatenbank "DigiCult.web" übertragen. Die Arbeit wurde durch konservatorische Bedingungen erschwert, weshalb davon nur ca. 180 Objekte fotografiert sowie deren Zustand dokumentiert werden konnten. Besonders bei den etwa 150 Gipsabgüssen mittelalterlicher kirchlicher Gegenstände aus den 1880er Jahren waren die angegebenen Informationen manchmal veraltet. Recherchen in Online-Katalogen, Bibliotheken und Sammlungsportalen förderten aktuelle Informationen zu den Vorlagen der Abgüsse zu Tage. Dies steigerte gleichzeitig die dokumentarische Bedeutung manches Gipsabgusses, etwa wenn die Vorlage für den Abguss mittlerweile verändert oder sogar zerstört worden war. Mittelfristig werden die inventarisierten und digitalisierten Datensätze im Online-Portal der Universität freigeschaltet. Trotzdem ist die Veröffentlichung von Informationen über Sammlungsobjekte in Zeitschriften oder Publikationen weiterhin wichtig. In Zuge des Digitalisierungsprojekts wurde deshalb in einem Katalog erstmals eine Übersicht über die verschiedenen Objektgruppen der Sammlung veröffentlicht. Hierfür wurden repräsentative Objekte ausgewählt und die dazugehörigen Informationen für kurze, beschreibende Objektbeiträge zusammengefasst.

Ausstellung "Wissen sammeln"

In den letzten Wochen des Praktikums lag der Schwerpunkt bei der Realisierung einer Ausstellung. Bisher werden die Objekte in Vitrinen in mehreren kleinen Räumen präsentiert und in Depotschränken gelagert. Dies ist bei vielen Universitätssammlung so und stellt eine vergleichsweise gute Situation dar, doch sind diese Räume nicht für die Öffentlichkeit zugänglich: Das in den Sammlungsräumen befindliche Besucherbuch datiert den letzten offiziell verzeichneten Besuch auf das Jahr 2006.

Die Präsentation in einer Sonderausstellung im lichtdurchfluteten Foyer der zentralen Universitätsbibliothek bot andere Präsentationsmöglichkeiten für die Objekte und die Konzentration auf ausgewählte Objektgruppen, die bisher nicht im Blickpunkt standen. Mit der ebenfalls ausgestellten Plakat- und Grafiksammlung des Caspar-David-Friedrich-Instituts ergaben sich kaum inhaltliche Schnittmengen, weshalb sich für die Victor-Schultze-Sammlung eine räumlich voneinander getrennte Präsentation anbot. Bei der Anordnung der Vitrinen und Stellwände galt es die die Hauptbesucherströme (Schließfächer ↔ Eingang ↔ Pausenraum) und Fluchtwege zu berücksichtigen. Nun verlaufen diese Wege durch die Ausstellung, so dass diese von vielen UB-Besuchern durchquert wird und einige davon zu Spontan-Besuchen werden.

Nach dem Funktionstyp der Objekte wurden in der Ausstellung drei Bereiche abgegrenzt: Kopien unter dem Titel "Gipsabgüsse", Originalobjekte ("Archäologische Objekte und Holzskulpturen", letztere wurden nur auf einem Plakat dargestellt) und Bestände der Fotothek ("Die Fotografischen Bestände"). Das im Studium gewonnene Wissen zur Textproduktion konnte bei den größeren, informativen Ausstellungsplakaten zu diesen Bereichen umgesetzt werden. Die einzelnen Objekte wurden durch Objektbeschriftungen erklärt, wobei sich gerade bei den Gipsabgüssen die Informationen häuften: Neben Erläuterungen zum Abguss an sich waren zum Verständnis der Vorlagen auch deren Material, Datierung und der Verwendungsort angegeben.

Bei diesem Praktikum war insbesondere die vielfältige Beteiligung an allen Arbeitsergebnissen der Ausstellung sowie deren Vorlauf - Inventarisieren, Erstellung des Katalogs, Ausstellungsplanung, Objekttransport, Ausstellungsaufbau und Eröffnung - lehrreich.

Der Museologie-Student Florian Gantner war von Oktober 2015 bis Februar 2016 Praktikant an der Victor-Schultze-Sammlung sowie an der Kustodie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Die Abbildungen stammen von ihm.

Kontakt

Professur für Museologie am Institut für deutsche Philologie
Oswald-Külpe-Weg 86
Campus Hubland Nord
97074 Würzburg

Tel.: +49 931 31-86703
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