Da müssen wir alle durch ... und das ist auch gut so!

Von Nicolas Lucker

Jeder Museologiestudent muss irgendwann mal raus aus der Studierstube und rein ins Feld. Die erste Frage die sich da dem emsigen Jungwissenschaftler stellt ist wann und wo bitte soll ich das denn noch unterkriegen? Ist es gut eher früh seine Pflicht zu erfüllen oder sollte man eher noch ein bisschen abwarten welche Inhalte einen im Laufe der sechs Semester (Regelstudienzeit) so begegnen? Ein großes Haus auf der Berliner Museumsinsel? Oder doch lieber ein kleines verstecktes Provinznest wo mich keiner findet? All diese Fragen habe zumindest ich mir anfangs gestellt. Dass ich das mit der Pflicht so betone beruht darauf, dass wenn man etwas tun muss, man sich manchmal ins Gedächtnis rufen sollte für wen oder was man das alles eigentlich veranstaltet. Im Rahmen des „Pflichtpraktikums“ habe ich meine Zeit im Städtischen Museum Kitzingen absolviert und mich dafür entschieden, die Semesterferien vor dem sechsten Semester anzupeilen. Die Kontaktdaten erhielt ich über unseren Lehrstuhl, um die Kontaktaufnahme mit der Museumsleitung musste ich mich dann schon selber kümmern. Das ging allerdings alles recht schnell und so hatte ich im Spätsommer 2013 die Zusage für einen Praktikumsplatz von circa zehn Wochen. Aber was wollte ich eigentlich in den zehn Wochen als fortgeschrittener Museologiestudent alles machen?

 

Die Frage begleitete mich bis zum Praktikumsantritt im Februar 2014. Die Leiterin des Hauses, Frau Nomayo, führte mich am ersten Tag durch die Dauerausstellung und auch durch das Depot, welches voller Schätze ist. Man muss sich wirklich losreißen, da noch längst nicht alles erfasst und ergründet ist. Ich erhielt ein eigenes Arbeitszimmer in dem ich mich häuslich einrichten konnte. Das Zimmer, in welchem eine der letzten historischen Apotheken (Rüdenhäuser Schlossapotheke) eingerichtet ist, verfügt über einen Arbeitscomputer und große Schreibtischflächen, auf denen sich über die Wochen ein Sammelsurium an Zetteln, Arbeitsaufträgen, eigenen Ideen und Entwürfen anhäufen sollte. Ich wurde noch am selben Tag in das hausinterne Inventarisierungsprogramm eingewiesen und nach ein oder zwei Tagen konnte ich damit eigenständig Daten aufnehmen und verwalten. Bei der Führung durch das Depot konnte ich mich von vielen Dingen nicht losreißen, aber ganz besonders nicht von einer Zinnfigurensammlung. Nach einiger Literaturrecherche in der UB und der Stadtbibliothek in Würzburg, hatte ich Literatur gefunden, mit der ich zumindest Aussagen über Bemalung und Einordnung der Uniformen treffen konnte. Per Fernleihe entdeckte ich auch frühe volkskundliche Werke über den Zinnsoldaten. Das Ausmessen, Einordnen, Beschreiben usw. verschlang teilweise sehr, sehr, sehr... viel Zeit. Ich wollte meine Sache ja gut machen, stieß aber auch ab und zu an meine fachlichen Grenzen.

 

Das machte aber rein gar nichts. Man sollte es sich nur selbst eingestehen können, dass man nicht in allem glänzt und das auch wenn möglich kommunizieren. Viel wichtiger war mir etwas zu finden, was ich zum Thema Zinnfiguren beitragen konnte. Und plötzlich war diese Gelegenheit da. Jeder Praktikant im Städtischen Museum Kitzingen hat die großartige Möglichkeit einen eigenen Artikel zu einem beliebigen Thema zu verfassen. Das Stadtmagazin Falter wird jeden Monat an die Haushalte der Stadt herausgegeben und erscheint auch online. Ich beschäftigte mich zu dem Zeitpunkt besonders mit dem Thema Zinnfiguren als Spielzeug und hatte auch schon Pläne das ganze vielleicht auszustellen. Das wichtigste hierbei ist, sich die ganzen Ideen und Vorstellungen aufzuschreiben oder irgendwie festzuhalten. Daran dachte ich natürlich nicht und hatte einiges an Arbeit mehr mich an Ideen von vor zwei Wochen zu erinnern.

 

Nicht selten hatte ich auch den einen oder anderen Botengang zum Rathaus zu tätigen, einen Museumsgast zu betreuen oder auch einen Flyer oder Pressetext zu entwerfen. Es ist sicher nicht verkehrt auch mal mit den Leuten die ins Haus kommen zu sprechen und ein Stück weit den Motor des Hauses somit anzutreiben. Das ist gerade dort wichtig, wo Personal an allen Ecken und Enden fehlt. Die Herausforderung und die Abwechslung im Alltag von der so oft gesprochen wird, ist kein Märchen um uns bei Laune halten. Irgendwann kommt man ins Rotieren und es wird entscheidend sich entsprechend zu organisieren, eben weil man oft alles Mögliche nebenher noch macht. Der Falter-Artikel musste also eingereicht und auch aussagekräftige Fotos mit hoher Auflösung geschossen werden. Jeder der ein bisschen selbstkritisch ist wird einen Zeitungsartikel gefühlte 35 mal überarbeiten bevor er dann mit Gelassenheit eingereicht wird. Es dauert also bis ein oder zwei lesbare Seiten entstehen und in meinem Fall gehörte es auch dazu, die Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Für Geisteswissenschaftler denke ich lohnt es sich möglichst viel Zeit in das eigene Lesen und Schreiben zu investieren. Hinzu kommt wie viel man aus der eigenen Stofferschließung machen kann. Außer dem Falter-Artikel konnte ich zum Ende des Praktikums meine Idee vom Anfang verwirklichen und eine Sonderpräsentation der erschlossenen Zinnfiguren inszenieren. Ich erhielt dafür mehrere Vitrinen und nutzte die zusammengetragenen Texte, die ich durch den Falter-Artikel schon hatte. Ich musste es nur noch zusammenkürzen und das ein oder andere ergänzen, da ein Zeitungsartikel keinen Objekttext ersetzt.

 

 

Außer den Zinnfiguren widmete ich mich auch einer Kunstausstellung (FarbFeuerWerk) im Haus. Dazu gehörte das Planen mit der Museumsleitung und natürlich der Künstlerin. Außer den PR-Arbeiten rund um diese Sonderausstellung übernahm ich zusammen mit einem Kollegen die praktische Umsetzung des Ganzen: Objektannahme – Planung – Raumaufteilung/Raumkonzept – Aufbau – Hängung (vor allem Ausmessen) – Montage/Sicherung – Ausleuchtung und schließlich die Übergabe. Ein toller Moment als wir alles geschafft hatten und eine stolze Künstlerin ihre Ausstellung eröffnen konnte.

Die letzte Praktikumswoche verging wie im Flug. Nach und nach räumte ich meinen Arbeitsplatz und führte noch einige intensive Gespräche über Gott und die Welt der Museen. Natürlich hatte ich auch Durststrecken wo nicht alles so super toll lief und erlebte auch ganz neue Situationen, in denen man sich erst einmal zurecht finden musste. Ich denke das gehört dazu und mit irgendetwas kämpft man doch immer im Leben. Das wirklich schöne an der Zeit ist, dass ich noch oft an die vielen Gespräche mit den Mitarbeitern und der Leitung des Hauses denken werde und ich in der wirklich kurzen Zeit viel mehr geschafft und entdeckt habe als ich mir anfangs zugetraut hatte. Auf der praktischen Seite kann man so eine Zeit auch als Kriterienkatalog für die Zukunft betrachten. Was will ich denn das nächste Mal alles nicht oder mal anders machen? Bei der Wahl eines Hauses kann ich nur empfehlen nicht zu voreingenommen zu sein wenn es um die Lage, die Größe oder den Schwerpunkt des Hauses geht. Auch in kleinen Häusern lässt sich was umsetzen. Ganz entscheidend ist, was man aus der Zeit macht, die man ja als Pflicht so oder so dort zu sein hat. Vielleicht kann man sie auch nutzen um aus gewohnten Rastern auszubrechen und es riskieren die Dinge mal anders anzupacken, sich selbst herauszufordern und vor allem sich selbst besser kennen zu lernen. Vielleicht sind es auch gerade die Orte die man am ehesten aufsuchen sollte, die einen am meisten fernhalten, um die eigenen Grenzen zu erkennen.

 

 

Der Museologie-Student Nicolas Lucker absolvierte von Februar bis April 2014 ein Praktikum im Stadtmuseum Kitzingen.

 

 

Artikel im Kitzinger Stadtmagazin Falter

Bericht in der MainPost