Museologie und Museumswissenschaft/Museum Studies

an der Universität Würzburg

Warum sammeln Menschen Gegenstände? Wie werden diese Objekte in Museen bewahrt, erforscht und öffentlich ausgestellt? Was sagen sie über die jeweilige Gesellschaft aus, wie sind sie entstanden, verbreitet und genutzt worden? Wie gestaltet man Ausstellungen mit Anspruch und Spannung für unterschiedliche Besuchergruppen? Und wie prägen die in Museen arrangierten Geschichts-Bilder unser kollektives Gedächtnis?

 

 

Von der Hilfswissenschaft zur eigenständigen Universitätsdisziplin

Mit der Ausdifferenzierung und Professionalisierung des Museums- und Ausstellungswesens hat sich die Museologie in den letzten Jahrzehnten international längst von der Rolle einer Hilfswissenschaft emanzipiert: Sie beschäftigt sich nicht nur mit der Vermittlung anwendungsorientierter Fähigkeiten, sondern ebenso theoretisch-analytisch mit allen Kernbereichen der Museumsarbeit und hat sich zu einem selbstständigen, wissenschaftlich reflektierten Tätigkeitsfeld mit eigenen Theorien, Methoden, Publikationsorganen und Infrastrukturen entwickelt. Im Unterschied zu Deutschland gehören Museum Studies in den USA, in Großbritannien, Kanada, Schweden oder den Niederlanden als vollwertiges akademisches Studienfach längst zum Universitätsalltag (ausführliche Informationen).

 

 

Das Würzburger Studienangebot

An der Julius-Maximilians-Universität Würzburg erfolgte die Einrichtung der Professur für Museologie im Herbst 2010. Als kleine, aber eigenständige Lehreinheit ist sie organisatorisch dem Institut für Deutsche Philologie der Philosophischen Fakultät zugeordnet und umfasst inzwischen rund 140 Studierende in folgenden innovativen, interdisziplinären Studiengängen:

  • der sechssemestrige, zulassungsfreie BA-Studiengang „Museologie und materielle Kultur“ (ab WS 2010/11, HF, 120 ECTS) bildet Generalisten aus, die in der Lage sind, sofort nach Studienabschluss eine verantwortungsvolle Position in einem Museum zu übernehmen;
  • der viersemestrige MA-Studiengang „Museumswissenschaft / Museum Studies“ (ab WS 2013/14, HF, 45 ECTS) baut auf dem BA-Abschluss auf; externe BewerberInnen werden jedoch nach Maßgabe freier Plätze zugelassen, wenn sie grundlegende museologische Kompetenzen sowie Museumspraxis nachweisen können. Er ist forschungsintensiver ausgerichtet und befähigt für eine wissenschaftliche Museumslaufbahn;

  • der viersemestrige MA-Studiengang "Sammlungen - Provenienz - Kulturelles Erbe" (ab WS 2016/17, HF, 120 ECTS, als Teilzeitstudiengang in Vorbereitung) wird gemeinsam von den Fächern Kunstgeschichte, Museologie und Geschichte angeboten. Er qualifiziert speziell für die Sammlungs- und Provenienzforschung in den Wissensspeichern Archiv, Bibliothek und Museum von Antike bis zur Gegenwart;
  • der viersemestrige MA-Studiengang „Museum und alte Kulturen / Museum and Ancient Cultures“ (ab SoSe 2016, HF, 120 ECTS) kombiniert den museumswissenschaftlichen MA-Studiengang mit dem gleichzeitigen Studium einer altertumswissenschaftlichen Disziplin in Kooperation mit der Älteren Abteilung des universitätseigenen Martin von Wagner-Museums  und dem MA-Studiengang „Museum Studies“ an der Helwan University in Kairo/Ägypten. Er fokussiert in besonderer Weise die museale Praxis bzw. Forschung in altertumskundlichen Fächern und setzt einen einschlägigen BA-Abschluss sowie grundlegende museologische Kompetenzen und Museumspraxis voraus;
  • darüber hinaus besteht für besonders qualifizierte Studierende die Möglichkeit zur Promotion (ab WS 2014/15).

 

 

Universitäres und museales Umfeld

Für den Standort Würzburg spricht neben der reichhaltigen Museumslandschaft in Stadt und Region, dass die hiesige Universität selbst mehrere Museen betreibt sowie verschiedene naturkundliche, kultur- und technikgeschichtliche Sammlungen unterhält. Neben dem bekannten „Martin von Wagner-Museum“ (1837), einem der größten Universitätsmuseen Europas mit Gemäldegalerie, Ägyptischer, Antiken-, Grafik- und Münz-Sammlung sind der „Botanische Garten“ (ab 1696, seit 1960 in seiner jetzigen Form), das „Mineralogische Museum“ (1978) sowie die ständige „Ausstellung zur Geschichte der Psychologie“ (2009) zu nennen. Hinzu kommt die starke Präsenz von traditionell museumsnahen Disziplinen, z. B. Ägyptologie, Altorientistik, Europäische Ethnologie/Volkskunde, Geschichte, Klassische Philologie, Klassische Archäologie, Kunstgeschichte, Kunstpädagogik, Pädagogik, Vor- und frühgeschichtliche Archäologie. Dieses universitäre und museale Umfeld bereichert das Spektrum unserer Studiengänge.

 

 

2-Fach-Studium

Im Prinzip wird immer in einer 2-Fach-Kombination studiert, d. h. das museologische Studium wird stets durch das gleichzeitige Studium einer museumsrelevanten Disziplin inhaltlich wie methodisch ergänzt, vertieft bzw. erweitert: beim BA-Studiengang „Museologie und materielle Kultur“ als Nebenfach (das aber alle Pflichtveranstaltungen wie im Hauptfach beinhaltet), beim MA-Studiengang „Museumswissenschaft“ als weiterem Hauptfach. Damit erwerben die Studierenden gleichzeitig Kompetenzen in einem traditionellen Museumsfach und setzen sich aus dessen Binnenperspektive mit Gegenständen und Themen auseinander, die in Museen eine wichtige Rolle spielen.

 

 

Theorie und Praxis

Den gesteigerten Anforderungen an eine moderne Museumsarbeit entsprechend werden neben den klassischen Kernfeldern – Sammeln, Bewahren, Forschen, Vermitteln, Ausstellen – auch übergeordnete theoretische Perspektiven sowie zukunftsweisende Aspekte gelehrt. Ausgehend von einem Verständnis des Museums als Ort der Repräsentation, als öffentlicher, medialer und sozialer Raum, liegen die Schwerpunkte neben Ausstellungsprojekten auf der Museums- und Ausstellungsanalyse, auf einer benutzerzentrierten Vermittlungsarbeit sowie auf der Erforschung und Deutung materieller Kultur inkl. Materialkunde und Kulturgüterschutz. Dabei geht es sowohl um eine holistische Perspektive als auch um konkrete Fallbeispiele unter Berücksichtigung der verschiedenen Museumsgattungen mit ihren spezifischen fachlichen Traditionen und kulturellen Formatierungen.

Bei alldem werden theoretisch-analytische Kompetenzen ebenso vermittelt wie museumspraktische Fertigkeiten, um optimal für die Museumsforschung wie die Museumspraxis zu qualifizieren. Charakteristisch ist die kontinuierliche Zusammenarbeit mit Museen und Kultureinrichtungen auf allen Ausbildungsebenen (z. B. Bayerische Museumsakademie, Haus der Bayerischen Geschichte, Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in München) sowie ein intensiver Austausch mit unterschiedlichsten Praxisfeldern: Auf diese Weise wird eine an aktuellen Entwicklungen orientierte, praxisnahe Wissensvermittlung sichergestellt. Dies geschieht durch Ein- und Mehrtagesexkursionen im In- und Ausland, aber auch durch die Abhaltung von Einführungstagen für Erstsemester und Unterrichtseinheiten in Museen und Sammlungen der näheren Umgebung. Zusätzlich werden im Museums- und Kultursektor Beschäftigte regelmäßig durch Gastvorträge, Lehraufträge, Workshops und Planspiele in das Studium eingebunden.

Hinzu kommen Praxisseminare, verpflichtende wie fakultative Praktika und Ausstellungsprojekte mit externen Kooperationspartnern: Im BA-Studiengang müssen alle Studierenden die Objektbestimmung und Inventarisation einüben, Angebote in den Bereichen Museumspädagogik und Kulturmanagement mit erarbeiten, ein mindestens zehnwöchiges Praktikum absolvieren sowie ein einjähriges Ausstellungsprojekt umsetzen, während die MA-Studiengänge eine selbstständig durchgeführte Forschungs- und Projektarbeit verlangen. Auf diese Weise sammeln Studierende das notwendige anwendungsbezogene Erfahrungswissen, können das Erlernte aktiv anwenden und wertvolle Netzwerke knüpfen, die ihnen später den Einstieg ins Berufsleben erleichtern.

 

 

Forschung und Lehre

Ein weiteres Anliegen ist es, die Studierenden frühzeitig an aktuelle Forschungen, Debatten und internationale Entwicklungen heranzuführen. Dies geschieht durch die Verpflichtung ausländischer Gastdozenten (Prof. Dr. Peter van Mensch und Leontine Meijer-van Mensch MA, Amsterdam/Berlin) und Gastprofessoren (Prof. Manuelina Maria Duarte Candido, Federal University of Goijas/Brasilien), aber auch durch den Aufbau internationaler Kooperationen mit Dozentenaustausch (International Centre for Cultural & Heritage Studies der Newcastle University/GB; Helwan University Kairo/Ägypten) oder durch die im Curriculum festgeschriebene Teilnahme an Tagungen und Fortbildungen. Hierzu zählen auch eigene Tagungen mit wechselnden Kooperationspartnern, z. B. zu den Themen „Identitätsfabrik reloaded. Museen als Resonanzräume kultureller Vielfalt und pluraler Lebensstile“ (Karlsruhe, 22.–24. Mai 2014) oder „Barrierefreiheit ist mehr als die Rampe am Eingang: Auf dem Weg zum inklusiven Museum“ (Würzburg, 23.–24. April 2015). Hinzu kommen öffentliche Vortragsreihen mit Forschungskolloquien, Forschungsprojekte und die Online-Reihe „Schriften und Materialien der Würzburger Museologie“.

 

 

Profil der Würzburger Museologie

Vor diesem Hintergrund versteht sich die Museologie an der Universität Würzburger als eigenständige Universitätsdisziplin, die das gesamte universitäre Ausbildungsportfolio (BA, MA, Dr. phil.) abdeckt und selbst forscht. Mit engen Bezügen zu den kultur-, sozial-, medien- und naturwissenschaftlichen, aber auch gestalterischen Nachbardisziplinen ist die kulturwissenschaftlich akzentuierte Würzburger Museologie interdisziplinär ausgerichtet und knüpft an internationale Entwicklungen in den Museum Studies an. Sie folgt der Perspektive einer kritischen, selbstreflexiven Museologie, die Praxis, Theorie und Forschung auf der Basis eines erweiterten Verständnisses von Musealität verzahnt.

 

 

Karrieremöglichkeiten

Im Verlauf ihres Studiums der Museologie bzw. Museumswissenschaft an der Universität Würzburg erarbeiten sich die Studierenden durch die enge Verbindung von akademischer Lehre und praktischer Museumsarbeit fundierte Kompetenzen, kulturgeschichtliche, künstlerische, technische und naturwissenschaftliche Objekte zu sammeln, zu bewahren, zu deuten, auszustellen und zu vermitteln. Die Praxisnähe und das 2-Fach-Studium versetzen sie in die Lage, museale Standards, zeitgemäße Anforderungen des Kulturbetriebs und wissenschaftlich erarbeitete Inhalte im komplexen Museumsalltag kreativ und lösungsorientiert umzusetzen, damit Museumsdinge ihr gesellschaftliches Potenzial als kulturelles Erbe entfalten können.

Die beruflichen Perspektiven unserer AbsolventInnen zielen daher auf eine wissenschaftliche Tätigkeit im Museums- und Ausstellungssektor, in Galerien, Gedenkstätten, Heritage-Sites, Ausstellungsbüros und -agenturen, in der Museumsberatung sowie in vergleichbaren Kultureinrichtungen. Je nach gewählter Fächerkombination und individueller Schwerpunktsetzung (Praktika, Lehrveranstaltungen im Wahlpflichtbereich, Themen von Abschluss- und Projektarbeiten) qualifiziert das Studium daher auch für Tätigkeiten, bei denen es um das Handling und Management kultureller Dienstleistungen geht, oder bei denen Kommunikations- und Informationskompetenzen gefragt sind (Bildungsarbeit, Mediensektor, Freizeit- und Tourismusindustrie).

 

Tabellarischer Überblick

Tabelle mit den Studiengängen (PDF, 56 kB)