Museologie und Museumswissenschaft

als Studienfächer

„Ein Museum ist eine gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien- und Bildungszwecken, zu Freude, Spaß und Genuss materielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.“[1]  – So lautet die allgemein anerkannte Definition des International Council of Museums (ICOM).

Im Verlauf seiner 250jährigen Geschichte differenzierte sich die Institution Museum freilich in eine Vielzahl von Sparten aus. Allein in Deutschland bestehen gegenwärtig rund 6.500 Museen, die jährlich weit über 100 Mio Besucher anziehen: von Universal-, National- und Landes- bis zu Regional- und Heimatmusseen, von natur- und gewerbekundlichen Museen über technik-, kunst- und kulturgeschichtliche Museen bis hin zu Freilicht- und Spezialmuseen. Sie dienen längst nicht mehr als Schatzkammern, Bildungstempel und Repräsentationsbauten, die nur den äußeren Rahmen für das wissenschaftliche Betrachten und Erforschen von Sachgegenständen bilden.

Nach dem Paradigmenwechsel der 1970er Jahre, wie er etwa im cultural turn, im Appell „Kultur für alle“[2] oder dem Motto „Vom Musentempel zum Lernort“[3] zum Ausdruck kam, avancierte der Bildungs- und Vermittlungsauftrag laut Deutschem Museumsbund (DMB) vielmehr zur „zukunftsweisenden Aufgabe der Museen“[4]. Damit fungieren Museen immer mehr als Orte der kulturellen Bildung, gesellschaftlichen Selbstvergewisserung, der Begegnung und Integration. Insgesamt stellt das Museum heute ein polyfunktionales „Hybrid“ mit unterschiedlichsten Bedeutungsdimensionen dar: Es ist „Architektur und als solche Raum und Zeichen aber auch Ort in städtebaulichem Sinn, es ist ein sozialer Ort der Riten, Praktiken, Verhaltensweisen und Interessen. Es ist Ausstellung, Sammlung und Speicher, es ist öffentlicher Raum, Ort der Kommunikation, der Betrachtung und des Diskurses, in manchen Fällen auch der Forschung. Es ist Medium, das in sich sehr unterschiedliche Medien integrieren kann, Texte, Bilder, Klänge, Objekte … Es ist eine – von der so genannten öffentlichen Hand unterhaltene – Institution, also auch Organisation, Betrieb, Arbeitsplatz.“[5]

In den letzten Jahrzehnten hat sich mit der Museologie eine eigenständige Wissenschaftsdisziplin etabliert, die z.B. in den USA, in Mittel- und Südamerika, England, Schweden, Dänemark, Frankreich, Kroatien, den Niederlanden, der Slowakei und der Tschechischen Republik „seit langem ein vollwertiges akademisches Studienfach ist“.[6] Über die Vermittlung rein museumspraktischer Fähigkeiten hinaus (Museographie bzw. angewandte/praktische Museologie) beschäftigt sich die Museologie ebenso theoretisch mit dem Phänomen Musealität und der Kulturtechnik des Sammelns im Allgemeinen (theoretische und historische Museologie). In diesem Kontext wird die Institution Museum in der oben angedeuteten Gesamtheit und Komplexität selbst zum primären „Forschungsobjekt“.[7]

Demzufolge umfasst Museologie, wie Erik Hühns bereits 1973 feststellte, „Theorie und Geschichte des Museumswesens und der Museen, Prinzipien der Erhaltung und Erforschung des musealen Materials, Methoden der Museumspädagogik und Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere den Aufbau von Ausstellungen, Organisation und Leitung der Museen, Museumstechnik und Ausbildung von Museumskadern.“[8] Entgegen der lange üblichen Praxis, sich die Museums- und Ausstellungspraxis durch learning by doing weitgehend selbst anzueignen, wobei die „Vermischung von Ausbildung und voller Mitarbeit [...] oft eine geregelte Ausbildung“ verhindert,[9] führten die Professionalisierung und der zunehmende Rentabilitätsdruck dazu, dass sich museums- und ausstellungspraktische Erfahrungen in den letzten Jahren immer mehr zu Zugangsvoraussetzungen für Museumsberufe entwickelten. Und so gilt stärker denn je, dass ein „rein objekt- und sammlungsorientierter Wissenschaftler am Museum [...] noch längst kein Museologe [ist], sondern ein im Museum tätiger Fachspezialist.“[10]

Der zum WS 2010/11 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg neu eingeführte BA-Studiengang „Museologie und materielle Kultur“ (120 ECTS) trägt der skizzierten Entwicklung Rechnung und ermöglicht in sechs Semestern einen voll berufsqualifizierenden akademischen Universitätsabschluss. Ein konsekutiver Master-Studiengang "Museumswissenschaft" wird ab WS 2013/14 angeboten.


[1]    ICOM-Definition des Code of Ethics for Museums von 2003. Übersetzung zit. n. Qualitätskriterien für Museen: Bildungs- und Vermittlungsarbeit. Hg. vom Deutschen Museumsbund e.V. und Bundesverband Museumspädagogik e.V. in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Verband der KulturvermittlerInnen im Museums- und Ausstellungswesen und Mediamus – Schweizerischer Verband der Fachleute für Bildung und Vermittlung im Museum. Redaktion: Hannelore Kunz-Ott, in Zusammenarbeit mit Stefan Bresky, Antje Kaysers, Karin Maaß, Peter Schüller, Ralph Stephan und Gisela Weiß. Berlin 2008, S. 6.

[2]    Hilmar Hoffmann: Kultur für alle. Perspektiven und Modelle. Frankfurt a.M. 1979.

[3]    Ellen Spickernagel / Brigitte Walbe (Hg.): Das Museum. Lernort contra Musentempel. Gießen 1979.

[4]    Qualitätskriterien für Museen (wie Anm. 1), S. 6.

[5]    Museumsakademie Joanneum: Das Museum – ein Hybrid. Online im Internet: URL: museumsakademie-joanneum.at/museologie/museologien-statt-museologie/das-museum-2013-ein-hybrid [Stand: 6.1.2010].

[6]    Friedrich Waidacher: Von Orchideen und Disteln: Museologie im Spannungsfeld zwischen Ahnungslosigkeit und Verweigerung. In: Museologie Online 5 (2003), S. 1-24, Zitat S. 23. Online im Internet: URL: www.vl-museen.de/m-online/03/waidacher.pdf .

[7]    Wolfgang Klausewitz: Zur Geschichte der Museologie (1878–1988). In: Hermann Auer (Hg.): Museologie. Neue Wege – neue Ziele. Bericht über ein internationales Symposium, veranstaltet von den ICOM-Nationalkomitess der Bundesrepublik Deutschland, Österreichs und der Schweiz vom 11. bis 14. Mai 1988 am Bodensee. München / London / New York Paris 1989, S. 20-37, Zitat S. 20.

[8]    Erik Hühns: Museologie. Geschichte, Gegenstand, Methoden. In: Neue Museumskunde 16 (1973), Nr. 4, S. 291-294.

[9]    Ute Haug / Christoph Löhr: Die Ausbildung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an Museen im europäischen Vergleich. In: Museumskunde 65 (2000) H. 2, S. 172-177.

[10]  Klausewitz (wie Anm. 7), S. 33.